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Trauerfeier für Simon Manus (24. Mai 2004)                  Jesaja 61, 1+3

Liebe Beate, lieber Michael, liebe Freunde, liebe Trauergemeinde!

Ich würde Simon jetzt gerne einen langen Brief schreiben, über den er sich sicherlich gefreut hätte. Sich ´mal so richtig zusammensetzen und klönen, die Fröhlichkeit und Herzlichkeit spüren, seine Direktheit und Gewitztheit - das wäre  was. Wenn einem keine Zukunft mehr beschert ist, drängt sich die Vergangenheit umso schmerzhafter auf. 

Simon Manus ist tot. Angesichts des Todes werden wir stumm. Es kommt darauf an, dass wir nicht taub werden, taub und gefühllos für die Stimmen des Klagens und die Tränen der Verlassenen, aber auch nicht taub und hoffnungslos, wenn Worte des Lebens laut werden; Worte, die dem Tod das letzte Wort bestreiten, die gegen das Nichtigwerden ankämpfen, die Auferstehung proklamieren an den Gräbern; Worte des Lebens, die das Licht Gottes gegen die Nacht des Todes setzen. 

Sie waren da, die Stunden des Bangens, der  Hoffnung: ja, ihr wusstet es, dass mit seinem Herz etwas nicht stimmt. Und das gab es auch: es nicht wahrhaben wollen, wie schwer die Krankheit wirklich ist. Die Stunden der Ungewissheit, schließlich die Nachricht vom Tod, alle Hoffnungen umsonst – ein schmerzlich empfundener Abbruch, unendlich traurig – und doch: 12 Jahre Glück, intensives Leben. 

Wir geben unsrer Trauer Recht, aber sie muss nicht das letzte Wort behalten. Sie und ihr alle hier zeigt, dass ihr gerne mit Simon zusammen gewesen seid, dass einem die Gemeinschaft mit ihm etwas bedeutet hat. Die Erinnerungen sind für viele von uns fast qualvoll – und doch öffnet sich gerade von hier aus ein Tor zu einer stillen Dankbarkeit. „Wir sind unendlich dankbar für 12 glückliche Jahre“, habt ihr, Beate und Michael, gesagt und geschrieben. Dankbarkeit, Simon ein Stück Wegs als Begleiter dabeigehabt zu haben. 

Ich habe daher ein Wort des Lebens aus dem Buch Jesaja, aus dem 61. Kapitel dieses alttestamentlichen Propheten ausgewählt für diese Stunde des Abschieds: 

„Der Geist Gottes, des Herrn, ist auf mir, weil mich der Herr gesalbt hat. Er hat mich gesandt, den Elenden gute Botschaft zu bringen, die zerbrochenen Herzens sind zu verbinden, zu verkündigen den Gefangenen die Freiheit, den Gebundenen, dass sie frei sein sollen, zu schaffen den Trauernden zu Zion, dass ihnen Schmuck statt Asche, Freudenöl statt Trauerkleid, Lobgesang statt einer betrübten Geistes gegeben werde“. 

Ein Spruch, der mich tief berührt: Dieses Wort des Jesaja: ursprünglich geschrieben für eine verzweifelte junge Generation des Volkes Israel, die vor 2500 Jahren in der Verbannung in Babylon an der Abwesenheit Gottes zu zerbrechen drohte. Ohne Hoffnung auf Freiheit und Glück verfiel eine ganze Generation in Trauer und tiefe Depression. Diesen Unglücklichen galt die Botschaft vom kommenden Glück, vom Trost und der Aussicht auf Lebensfreude und fühlbare Güte Gottes. Wie ihr mir Simon geschildert habt, möchte ich sagen, dass in seinem Wesen dieses Wort für euch aufgeleuchtet ist. 

Simon war ein Kind voller Urvertrauen, voller Lebensfreude. Für ihn war ein Glas nie halb leer, sondern immer halb voll. Er hat nach vorne geblickt, hoffnungsvoll. Mit seinem Charme und seiner Kontaktfreudigkeit eroberte er sich schnell die Herzen aller. Im Kreis seiner Familie, seiner Klasse, seiner Freunde war er aufgehoben und behütet. Er war gesegnet mit einem starken Willen, streitbar, er hatte so seine genauen Vorstellungen, da durfte man ihm nicht reinreden, manchmal war er auch nur zum Trotz dagegen, obwohl er eigentlich dafür war. 

Es konnte dauern, bis er in die Gänge kam. Nur eines ging schnell: sein Mundwerk. Er konnte schlecht seinen Mund halten – es musste kein Radio nebenher laufen, ihr hattet ja Simon. Er war sich seiner selbst so sicher – und innen doch auch sehr verletzlich; nach außen cool, Hände in den Hosentaschen und doch mit der Sehnsucht und dem Bedürfnis zu kuscheln. Er hat gern Musik gemacht und hat mit viel Freude gesungen. Sprachlich gewitzt und wortgewandt konnte er Vorträge halten und Aufsätze schreiben - und euch in endlose Diskussionen verwickeln. Er las gern und viel, war wiss- und lernbegierig. Simon hat intensiv gelebt – ein glückliches Kind. 

Er war euch Mittelpunkt, Bereicherung eures Lebens - und Freudenöl, ein Lobgesang, wie Jesaja sagt – viele, natürlich ihr als Familie besonders, haben ihn geliebt. 

Und nun stehen wir hier und trauern um ihn. Kaum lassen sich Trauer und Klage in Worte fassen. Die andere Seite dieses Jesaja-Wortes drängt sich in den Vordergrund: die Welt, auch unsere, hat eine saugend dunkle Seite, voller Leid und Tod, Elend und Entsetzen. Auch das ist unsere Welt. Wie kann man weiterleben, ohne bitter zu werden? 

Glaube im biblischen Sinn ist keine billige Vertröstung. Die Rätselhaftigkeit des Lebens bleibt. Das Leid ist da, und wir sind herausgefordert, entweder daran zu verzweifeln – und dann wird alles sinnlos. Oder zu vertrauen, neu den Glauben zu wagen. 

Nach biblischer Überzeugung bewahrt Gott uns nicht vor dem Leid, aber er bewahrt uns im Leid. Er trägt uns durch. Gott hat uns Menschen für so wertvoll erachtet, dass er sich nicht scheut, in Jesus Christus das Leiden auf sich zu nehmen und mitzutragen: Für mich ist es ein unheimlicher Trost zu wissen, dass ich nicht tiefer fallen kann als in Gottes Hand. 

Erlösung im biblischen Sinn meint: die Liebe Gottes ist stärker als der Tod. Auch im Sterben sind wir nicht getrennt vom lebendigen Gott. Die Realität des Todes anzuerkennen heißt nicht, ihm das letzte Wort zu überlassen. 

Als Christinnen und Christen dürfen wir glauben: Gott ist in Jesus Christus selbst in die Tiefe unseres „Nicht-Leben-Könnens“ hineingegangen. In Jesu Sterben und Auferstehen wird für immer deutlich, dass Gottes Liebe stärker ist als der Tod - auch stärker als der Tod tief in uns drinnen, stärker als der Tod der Traurigkeit und der Leere, stärker als der Tod der Verzweiflung und der Schuld. 

Im Vertrauen auf diesen Gott, der mitgeht und mitträgt, werden wir nicht die Schatten des Bösen und des Leides aus der Welt bekommen, aber die Welt ein wenig heller machen. Wie schnell ist ein verletzendes Wort gesagt; wie schnell drängt sich falscher Stolz vor die Notwendigkeit, aufeinander zuzugehen und sich zu vergeben. Wie schnell ist einer abgestempelt in der Klasse, in der Verwandschaft, am Arbeitsplatz. Wie wichtig ist es zu entdecken, dass uns jeder Tag nur einmal geschenkt ist und wir aufgefordert sind, ihn miteinander zu füllen. Ich wünsche euch, Beate und Michael, Kraft und Mut und die Liebe der Menschen, die euch jetzt in eurem Kummer nicht allein lassen. 

Simon wollte sich auf den Weg zur Konfirmation machen. Wir können neu entdecken, was es bedeutet, wirklich eingebunden zu sein in eine mittragende Gemeinde. Kirche ist vor Ort bei den Menschen, fürbittend, segnend, eine Gemeinschaft, die ihre Kraft nicht aus sich selbst hat, sondern von Gott, der verheißen hat, „ zu schaffen den Trauernden zu Zion, dass ihnen Schmuck statt Asche, Freudenöl statt Trauerkleid, Lobgesang statt eines betrübten Geistes gegeben werde“. 

Das Wort des Lebens aus dem Buch des Jesaja spricht so von der wandelnden Kraft des kommenden Gottes. Die Lesung aus der Offenbarung des Johannes vom neuen Jerusalem hat von dem Tag gesprochen, da Gott abwischen wird alle Tränen und der Tod nicht mehr sein wird. 

Wo ist Simon jetzt? Ihn nie wieder sehen zu können, ist ebenso bitter wie realistisch. Simon, wie ihr ihn kanntet, ist nicht mehr. Zunächst bleibt der Schatz der erinnernden Liebe, der Ton seines Lachens, auch wenn er nur noch schweigend erklingt. Aber wenn der Gott, von dem Jesaja spricht, der Herr über Leben und Tod ist, dann kann der Tod nicht das letzte Wort haben. Der Gott der Freiheit, der Heilung,, des Freudenöls für seine Menschen kann niemanden aus dem Lobgesang ausnehmen, der am Ende der Tage erklingen soll. 

Über das neue Leben, in dem Gott mit seiner Liebe alle und alles in sein Erbarmen versammelt, haben wir nur unvollkommene Bilder. Bilder des Schlafes, der schmerzlosen Stille und Ruhe und Geborgenheit in Gott, Bilder der Auferstehung der Toten, ohne die unser Glaube vergeblich und Gott nicht Gott, der Liebhaber des Lebens wäre. Gewiss unvollkommene Bilder. Aber aus ihnen spricht die unenttäuschbare Hoffnung des Glaubens und des Vertrauens in Gottes nicht endende, wenn auch manchmal verborgen wirkende Liebe zu uns, die wir so trostbedürftig sind. 

So geben wir Simon Manus seinem Schöpfer zurück, voller Trauer, aber dennoch dankbar für das, was er uns gewesen ist: Freude des Lebens, Freudenöl für alle, die ihn liebten und Anlass zum Lobgesang Gottes. 

Ihr habt gesagt: „Wir sind dankbar, dass wir ihn bei uns haben durften“. Erzählt euch Geschichten, schaut die Bilder an, was ihr alles zusammen erlebt habt, nehmt euch Zeit, aufeinander zu hören, schmunzelt, wundert euch, schüttelt den Kopf. Ja, die Dankbarkeit verwandelt die Erinnerung in stille Freude. Was ihr mit Simon erleben durftet, die Erinnerungen, Bilder und Geschichten, tragt sie nicht wie einen Stachel, sondern bewahrt sie wie ein kostbares Geschenk. 

Wir werden mit dem Vorläufigen und Bruchstückhaften leben müssen. Doch Worte des Lebens hat Gott für uns. Die Liebe, die Gott uns bereitet hat, mag uns dabei das Vertrauen geben, dass unser Leben in der Tiefe gehalten wird – dass wir uns geborgen wissen von guten Mächten und getrost erwarten, was kommen mag: Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag. Amen. 

[Pastor Andreas Goetze, Emmaus-Gemeinde Jügesheim]